Social Media Verbote
Social Media: Schutzbedarf für alle Altersgruppen – smiley e.V. fordert Regulierung der Plattformen
Die derzeitigen Algorithmen großer Social-Media-Plattformen stellen für Kinder und Jugendliche ein erhebliches Problem dar – aber nicht nur für sie. Auch Erwachsene tun sich schwer, ihre Nutzungszeit zu kontrollieren, und werden so Opfer von Desinformation und digitaler Gewalt.
Hannover, 23. Februar 2026 – In ca. 800 Workshops pro Jahr mit Schulklassen zum Thema Medienkompetenz beobachtet der Verein smiley – Verein zur Förderung der Medienkompetenz e.V., dass viele Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten haben, ihre Bildschirmzeiten selbst zu regulieren. „Die Algorithmen von Social-Media-Plattformen führen teilweise zu absurd langen Nutzungszeiten, mit denen einige Kinder und Jugendliche selbst höchst unzufrieden sind und sich ohnmächtig fühlen“, berichtet das Team von smiley e.V.
Doch nicht nur Kinder und Jugendliche sind betroffen; auch Fachkräfte in Fortbildungen und Eltern im Rahmen von Elternveranstaltungen berichten von einer Überforderung der Kinder, aber auch von Schwierigkeiten bei der eigenen Nutzung. Auch ihnen gelingt es oft nicht, sich selbst zu regulieren.
Auch die Vielzahl an Informationen im Netz erschwert es nicht nur jungen Menschen, zwischen verlässlichen Darstellungen und Desinformation zu unterscheiden. Besonders problematisch sind Inhalte, die durch künstliche Intelligenz erzeugt werden und bestehende Weltbilder bestätigen – dies kann in radikalisierenden Effekten oder der Verschärfung psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen oder selbstverletzendem Verhalten resultieren. Eine Zunahme der Diagnosen bspw. von Depressionen betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch bei Erwachsenen ist eine Zunahme von psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren statistisch festzustellen.
Darüber hinaus werden Kinder und Jugendliche Opfer von Cybergrooming, während Erwachsene zunehmend unter Sextorsion leiden. „Es ist offensichtlich: Nicht nur Kinder sind auf Schutzmaßnahmen durch den Gesetzgeber angewiesen. Auch Erwachsene benötigen Schutz vor schädlichen Online-Praktiken“, betont Moritz Becker, Sozialpädagoge und Gründungsmitglied von smiley e.V.
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass die strukturelle Reifung des präfrontalen Kortex bei vielen Menschen erst zwischen 23 und 25 Jahren abgeschlossen ist. Daher kann insbesondere jüngeren Personen die Selbstregulierung im Umgang mit Social Media schwerfallen, da dieser Hirnbereich maßgeblich für Impulskontrolle, vorausschauendes Denken und die bewusste Begrenzung stark belohnender Reize verantwortlich ist. Altersgrenzen oder geforderte Verbote bis 14 oder 16 für Social Media wirken schnell willkürlich. Becker kommentiert: „Oft wird Social Media mit Alkohol verglichen, um Kinder durch Verbote zu schützen. Vielleicht müssten die derzeitigen Praktiken eher mit Heroin verglichen werden – hier gibt es Verbote auch für Erwachsene. Statt Jugendliche auszuschließen, sollte sich die Politik dafür einsetzen, die Plattformen so zu regulieren, dass alle davon profitieren.“
Technisch sind Maßnahmen wie weniger abhängig machende Algorithmen, Faktenchecks und Erkennung übergriffigen Verhaltens möglich. Allerdings führen diese Regelungen zu finanziellen Nachteilen für die Unternehmen und werden selten freiwillig umgesetzt. Becker verweist auf historische Parallelen: „In den 1990er-Jahren entdeckten immer mehr Privatsender Kinder als Zielgruppe für Werbung. Um Kinder vor manipulativen Werbepraktiken zu schützen, wurden Werberegeln verschärft und KIKA als öffentlich-rechtlicher, werbefreier Kinderkanal gegründet. Ein Fernsehverbot für Kinder stand nicht im Mittelpunkt. Wo sind die öffentlich-rechtlichen Alternativen zu TikTok und Instagram?“
Die Praxis in den letzten Jahren zeigt: Viele Familien begleiten ihre Kinder bewusst und konstruktiv bei der Mediennutzung. In anderen Haushalten sind Kinder sich selbst überlassen. Erfahrungen aus Australien zeigen, dass manche Kinder über Accounts von Eltern oder älteren Geschwistern weiterhin online aktiv bleiben. „Eltern sind gefordert, manche überfordert. Gerade besonders gefährdete Kinder werden auch bei Verboten weiterhin problematischen Situationen auf Social-Media-Plattformen ausgesetzt sein“, warnt Becker. „Um allen gerecht zu werden, müssen nicht Kinder oder Familien reguliert werden – sondern die Plattformen selbst.“