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Katja Krasavice als Herausforderung für Erziehung und Bildung?!

Zwischen Bibis Beauty Palace, Dagi Bee und verschiedenen Lets-Playern wie Gronkh oder Simon Unge wird nicht selten Katja Krasavice in unseren Schulworkshops von Schülern genannt, wenn es um wichtige Youtuber geht. Was ist so bedeutsam an der sogenannten Erotik-Vloggerin?

Erst einmal ist festzustellen, dass schon das Nennen des Kanalnamens von Katja Krasavice als Provokation an die anwesenden Erwachsenen gemeint sein kann. Oft kennen Lehrerinnen und Lehrer die Youtuberin nicht. Nachdem kurz geklärt ist, dass das ein „versauter Pornokanal auf Youtube“ sei, zeigen sie sich je nach Jahrgangsstufe entsprechend entrüstet. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Katjas Videos reicht die Zeit im Schulalltag oftmals allerdings nicht aus.

Wer ist diese Person, von der alle sprechen (oder eben nicht)? Die Youtuberin mit über 950.000 Abonnenten (Stand Dezember 2017) betreibt seit 2014 unter dem Namen Katja Krasavice einen der unzähligen Lifestyle-Kanäle auf YouTube. Das besondere dabei ist, dass sich die Videos in erster Linie mit Sex auseinandersetzen. Oft sehr leicht bekleidet erzählt sie von Sex und Partys, von Selbstbefriedigung (4,7 Mio. Aufrufe), filmt sich beim Umziehen im Schwimmbad, thematisiert aber auch Verhütung und Schwangerschaftstests. Im Dezember 2017 veröffentlichte sie ihren ersten Song „Doggie“, der als Video bei YouTube innerhalb von drei Wochen über 12 Millionen Zugriffe verzeichnete. Im Video zum Song versucht Katja einen Mitarbeiter eines Pizza-Bringdienstes unter anderem mit der Aufforderung „mach‘s mir doggy“ zu verführen.

Wo ist das Problem?

Katja redet in ihren Videos über Sex, entsprechende Stellungen und erotische Phantasien, die aber bei YouTube nicht gezeigt werden. YouTube selber „unterstützt keine pornografischen oder sexuell expliziten Inhalte“. Einzelne Videos sind zwar mit Altersbeschränkung hochgeladen, per Definition sind die Videos aber nie pornografisch.

Grenzwertiger sind teilweise ihre Fotos auf Instagram zu bewerten, bei denen die Posen eindeutiger sind, aber auch nie im eigentlichen Sinne Pornografie. Für viele der minderjährigen Zuschauer ist das vermutlich egal. Ob es Pornos sind oder nicht – die Videos auf YouTube werden häufig als „versaut“ und Tabubruch verstanden. Oft haben die sehr jungen Zuschauerinnen und Zuschauer (noch) keine Erfahrungen mit Pornografie und verfügen noch viel weniger über eigene sexuelle Erfahrungen. Auffallend viele Jungen in fünften und sechsten Klassen beschäftigen sich schon mit Katjas Videos und singen u.a. ihren Song „Doggy“. Hier liegt der Reiz bei den Kindern und Jugendlichen vermutlich darin, zu provozieren. „Seht her, ich bin schon groß und gucke Katjas Videos“ ist die Botschaft. Ein solches Verhalten ist nicht neu und vom Mechanismus vergleichbar mit „ich spiele Spiele ab 18“ (2007) oder „ich rauche“ (1997). Diese bewusste Abgrenzung und Provokation gehört zum Lebensabschnitt Jugend dazu. Problematisch wird es, wenn bspw. beim Song „Doggy“ ein Bild von Sexualität und vor allem ein Geschlechterrollenklischee propagiert und akzeptiert wird, das nicht der Realität entspricht – oder entsprechen sollte. Wichtig hierbei zu bedenken ist, dass in den formal nicht pornografischen Videos auf YouTube eindeutig Werbung gemacht wird für Portale, in denen dann tatsächlich pornografische Inhalte zu finden sind.

Dieser Effekt ist bei älteren Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität und auch Sexualität noch viel ernster zu nehmen. Geht es bei den Zehn- bis Elfjährigen um eine Provokation, suchen 13-jährige nach Orientierung im Prozess des Erwachsenwerdens in einer komplizierten Welt. Auf der einen Seite ist Pornografie umfassend vorhanden und kann unkompliziert konsumiert werden. Auf der anderen Seite wachsen manche Mädchen und Jungen ohne Vorbilder auf, mit denen sie frei über Sexualität sprechen können. Hier bekommt die große (Ersatz-) Schwester Katja viel Einfluss: „endlich erklärt mal jemand Frauen und Sex“. Was früher „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“ in der BRAVO war, ist heute unter Umständen der Kanal von Katja Krasavice.

Geht es um Katja?

Spätestens jetzt wird deutlich: es geht nur vordergründig um einzelne YouTube-Kanäle, wie den von Katja. Hinter der Sorge, die Katja Krasavice bei vielen Pädagogen und Eltern auslöst, steckt mehr. Nicht zu vergessen sind auch verschiedene deutsche Raptexte, die ebenfalls in ähnliche Richtung gehen. Es geht um sexistische Texte oder Videos, in denen die Akteure immer wieder behaupten, dass die Zielgruppe ja gar keine 13 Jahre alten Kinder sind, sondern Erwachsene. Schon vor zehn Jahren erklärten Bushido, Sido und andere Rapper in Videos, dass es die Aufgabe der Eltern sei, die Kinder vor den eindeutigen Texten ihrer Musik zu schützen. Generell haben die Rapper als Künstler damit Recht, allerdings folgen leider viele Eltern diesem Rat nicht. Es geht natürlich um die sehr offene und vermeintlich realistische Art der Auseinandersetzung mit Sex bei YouTube, der Erziehung und Pädagogik als Orientierung vermeintlich wenig entgegenzusetzen haben.

Das Problem scheint zu groß zu sein, um es auf ein paar YouTube Videos zu reduzieren. Vermutlich handelt es sich ohnehin nicht um ein Medienphänomen, sondern eher um einen Hinweis auf eine dringend notwendige unverklemmte Auseinandersetzung mit Sexualität und nicht zuletzt auch um Sexismus. Entsprechende Videos plump zu verbieten oder YouTube aus den Kinderzimmern zu verbannen wäre keine Lösung. Erreicht wird damit eher das Gegenteil. Denn was wertet den Kanal von Katja mehr auf, als dass in der Schule davor gewarnt wird und Eltern deshalb YouTube verbieten wollen?

Kinder und Jugendliche stark machen

Es hilft nur eins: Kinder und Jugendliche stark zu machen für einen vernünftigen Umgang mit Sexismus. Sie müssen früh erkennen, wann Rollenbilder klischeehaft dargestellt werden und hinterfragen können, warum sich manche Menschen mit dem Beschreiben von menschenverachtenden Sexualpraktiken profilieren (wollen). Das gleiche gilt auch für das Niveau der Kommentare unter entsprechenden Videos. Vielleicht wäre die Welt schöner, wenn es den einen oder anderen YouTubekanal nicht gäbe. Allerdings gibt es sie und dem müssen sich Erziehung und Pädagogik stellen.

Es stellt sich natürlich die Frage, wie das „mal eben nebenbei“ möglich ist, wenn in einer Schulklasse nur Einzelne von Katjas Videos schwärmen. Erst einmal lohnt es sich, die Videos nicht als Schocker zu begreifen, sondern Katjas Botschaften ernst zu nehmen. Die Titel der Videos sind oft extrem reißerisch und sollen vor allem Klicks generieren. Auch wenn ein Video laut Titel die Erwartung weckt, dass Katja beispielsweise in einer Höhle Sex hat, so erzählt sie maximal davon. Wenn es um Sex im Freien geht, zeigt sie lediglich Orte, an denen sie nach eigenen Angaben bereits Sex in der Öffentlichkeit hatte. Hier präsentiert sie sich aber als eine selbstbewusste Frau, die sich gerne etwas gönnt, also gern Sex hat. Daran ist erst einmal nichts Schlimmes. Es ist also festzuhalten, dass Katja selbst entscheidet, mit wem sie wann Sex hat – so soll es sein (Video „S*X auf dem SPIELPLATZ!“ 1,1 Mio. Views). Auch wenn die Schülerinnen und Schüler immer sagen, es geht um Sex und die Videos seien alle versaut, so wird auch Verhütung thematisiert. Und das inhaltlich pädagogisch wertvoll - nur sehr authentisch beschrieben (Video „ICH BIN SCHWANGER!“, 3,8 Mio. Views). Geht es vordergründig bei der schönheitsoperierten Katja viel um Körperkult, so sagt sie auch: „Niemand sollte gemobbt werden, egal ob du Pickel, egal ob du dick bist, egal ob du dünn bist, egal ob du operiert bist, egal ob du schwarz bist, egal ob du weiß bist […] Jeder Mensch ist Mensch […] jeder sollte einfach akzeptiert werden.“ (Video „Aller erstes mal NACKT?“, 2,8 Mio. Views)
Ein medienpädagogischer Ansatz wäre zu klären, wie sich mit dem Geschäftsmodell eines Erotik-Vloggs Geld verdienen lässt. Doch hier unterscheiden sich der Kanal und die Strategien kaum von anderen Youtubern: Produktplatzierung und reißerische Titel, um Klicks zu generieren.

Dann ist da noch der Song „Doggy“ …

Momentan wird der Song „Doggy“, mit dem Katja Krasavice Anfang Dezember 2017 die Charts eroberte, von Schülerinnen und Schülern gesummt oder auch lauthals gesungen. „Wäre der Text auf englisch, würde man sich nicht aufregen“, so die Einschätzung einer Achtklässlerin, die vermutlich recht hat. “Der Song ist musikalisch gar nicht schlecht“, erklärt ein Mitschüler – was natürlich Geschmackssache ist.

Wenn es so ist, wie eingangs beschrieben, dass viele Kinder Katjas Videos konsumieren, dann besitzen viele von ihnen vermutlich nicht einmal die notwendige Geschlechtsreife, um das Video zu verstehen. Worum geht es denn eigentlich? Nicht ohne Ironie endet das Video zum Song für Fünftklässler allerdings sehr nachvollziehbar: der Pizzabäcker zieht es vor, die Pizza zu essen, statt Sex mit Katja zu haben …

Nebenbei bemerkt ist der Refrain ein Ohrwurm, den mancher vielleicht auch unbewusst summen muss. Dem kann mit „was guckst du für Videos“ wunderbar entlarvend begegnet werden. „Sie kennen Katja?“ wird nicht selten die Reaktion von „erwischten“ Schülerinnen und Schülern sein, sollte es eine Lehrkraft gewesen sein, die einem beim Singen erwischt hat. „Ja, und ich kann die Attraktivität der Videos verstehen, wenn man gerade in der Pubertät auf der Suche nach sich selbst ist“, kann eine wunderbar empathische Antwort sein, die anschließend ein Gespräch ermöglicht, das vielmehr Orientierung geben kann als alle Videos von Katja zusammen.

Dieser Beitrag wurde am 09.01.2018 verfasst.



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